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Schwester Aicharda
Ein Leben im Dienst am Nächsten

Zwei gestandene Mannsbilder im Gardemaß, um die heimische Wirtschaft verdiente Industriebosse: Josef Kaiser und Heinrich Desch. Zwischen ihnen ein zierliches Persönchen in Schwesterntracht, mit einem Ungetüm von Flügelhaube auf dem Haupt: Schwester M. Aicharda vom Orden der Barmherzigen Vinzentinerinnen. Fast hätte man sie in Achselhöhe der beiden männlichen Partner übersehen. Dieses ungewöhnliche Dreigestirn stand an jenem 1. Juli 1955 in der Aula des städtischen Gymnasiums auf der Goethestraße im Rampenlicht, um in einer denkwürdigen Feier die Ehrenbürgerbriefe der Stadt Neheim-Hüsten entgegenzunehmen. Ein beeindruckendes Bild, das unvergessen ist: Verdiente Männer der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens vereint mit einer schlichten Nonne als Vorbild karitativen Wirkens. Eine Ordensschwester als Ehrenbürgerin einer Stadt, das war bis dahin bundesweit ohne Beispiel. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, daß die Werke der Caritas nicht geringer einzuschätzen sind als die Verdienste um Wirtschaft und Wohlstand.
Wer war diese Frau?
Ohne Zweifel, Kindheit und Jugendzeit haben ihren Lebensweg bestimmt: Als die Älteste von zehn Geschwistern 1882 in Hövelborn bei Paderborn geboren, mußte Maria Kesselmeier schon früh Pflichten und Verantwortung in der Familie übernehmen, mußte für ihre jüngeren Geschwister da sein. Das prägte und festigte ihre soziale Grundhaltung. So schien es nur folgerichtig, daß sie in Erkennung ihrer Berufung mit 22 Jahren in den Orden der Barmherzigen Vinzentinerinnen eintrat, um ihr Leben Gott zu weihen und hilfsbedürftigen Menschen zu dienen. Und Dienen wurde ihr Leben.
Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester und zehnjährigem Krankenpflegedienst im Mendener St. Vinzenz-Krankenhaus kam sie 1922 im Alter von 40 Jahren zum St. Johannes-Hospital nach Neheim, um fortan in der ambulanten Krankenpflege tätig zu sein. Das war just in dem Jahr als sich die Ortsgruppe des Sozialdienstes Kath. Frauen mit der Sorge und Hilfe für in Not geratene Familien, um gefährdete Frauen, Mädchen und Kinder gründete. Man kann gewiß annehmen, daß in der Folgezeit die Stadtschwester mit dieser Gruppe eng zusammengearbeitet hat.
Man mag sich bei dieser Gelegenheit erinnern: Hilfe und Pflege für Arme und Kranke haben in Neheim eine Geschichte, die offiziell in das Jahr 1845 zurückreicht. Damals gründete sich der von der Erbdrostin Ferdinandine Freifrau von Fürstenberg initiierte Ferdinandinenkrankenverein. Dieser sah seine Aufgabe darin, "den hülfsbedarften Kranken hiesiger Stadt angemessene Pflege zu verschaffen, die keinen gesetzlichen Anspruch auf Hilfe durch Armen- oder Gemeindekassen haben". Der Verein hatte an der heutigen Mendener Straße neben der jüdischen Synagoge ein Haus mit fünf Betten eingerichtet und kaufte 1853 ein weiteres Haus hinzu, um wachsendem Bedarf gerecht zu werden. Dennoch geriet er in die Kritik, seine Aufgabe nicht voll erfüllen zu können. Tatsächlich mußte er nach weiteren sechs Jahren einen Notruf an Bürgermeister Dinslage richten, in dem die Beschaffung eines anderen größeren Krankenhauses angemahnt wurde.
Erstes Krankenhaus
So kam es zum Zusammenwirken von Ferdinandinenkrankenverein und Stadt mit dem Ergebnis, daß der Magistrat 1860 zur Errichtung eines Kranken- und Waisenhauses ein Haus anmietete. Und zwar dort, wo sich heute die Karl-Wagenfeld-Schule befindet. Die Leitung wurde der Genossenschaft der Barmherzigen Schwestern des hl. Vinzenz von Paul mit ihrem Mutterhaus in Paderborn übertragen. Diese entsandte zunächst zwei Ordensschwestern. "Sie erwarten hierfür keinen irdischen Lohn, nur aus reiner Liebe zu ihren Nächsten und zum Heil ihrer eigenen unsterblichen Seele unterziehen sie sich den Entbehrungen und den Mühseligkeiten des von ihnen gewählten Berufes." So hieß es in einem Aufruf von Bürgermeister Dinslage im Jahre 1861, in dem die Bürgerschaft um Unterstützung und Beihilfe für die armen Kranken und Waisen gebeten wurde. Eine Charakterisierung der karitativen Ordensarbeit, die sich in den mehr als 130 Jahren des Wirkens der Vinzentinerinnen in Neheim nicht geändert hat. Im September 1863 wurde dann der Neubau des St. Johannes-Hospitals am Springufer in seiner ersten Baustufe, der noch viele folgten, durch Weihbischof Freusberg geweiht.
In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Zahl der Vinzentinerinnen in der stationären Krankenpflege im St. Johannes-Hospital ständig an. Und draußen in der ambulanten Kranken- und Armenpflege setzte Stadtschwester Aicharda über einen Zeitraum von nahezu 50 Jahren mit ihrem aus christlichem Glauben und aus ihrer Treue zum Ordensgelübde schöpfenden Einsatz unübersehbare Zeichen. In enger Zusammenarbeit mit den karitativen Einrichtungen der Pfarrgemeinde und der Ärzteschaft, immer mehr aber auch aus eigener Kenntnis wußte sie, wo es in der Stadt zu helfen und Not zu lindern galt. Schwester Aicharda wurde zu einem Begriff der Hilfsbereitschaft.
Zeitzeugen berichten
Wer aus der älteren Generation erinnert sich nicht an sie, weiß nicht dieses oder jenes Erlebnis mit oder von ihr zu berichten? Beispielsweise Margarete Flach oder Elisabeth Richter oder Magdalene Bargel in Gesprächen mit dem Autor dieses Berichtes. Sie bezeugen die Rechtmäßigkeit und Wahrheit der Begründung des Antrages zur Verleihung der Ehrenbürgerrechte von 1955: "In 33 Jahren hat sie vielen, vielen Tausenden von Kranken selbstlos und hingebend geholfen, hat die Nächte an den Krankenbetten durchwacht und vielen Sterbenden in der letzten Stunde beigestanden. Sie ging allezeit froh und heiter genau so gern in die Baracken und dürftigen Wohnungen wie zu den Kranken in den Villen. Ihre Liebe galt allen Notleidenden, ob sie katholisch oder andersgläubig waren. Niemand vermochte ihren Bitten zu widerstehen, wenn es galt, Not zu lindern."
Und so berichten die genannten Frauen aus eigenem Erleben: "Helfer fand Schwester Aicharda immer wieder", erinnert sich Frau Bargel. "Auch in den Familien, die nicht so begütert waren. Da bekam sie einmal von einer Frau gerade in dem Augenblick einen Geldschein zugesteckt als deren Mann, der davon nicht unbedingt zu wissen brauchte, die Wohnung betrat. Sie hielt den Schein unauffällig in ihrer Hand als der kleine Junge der Familie neugierig fragte: "Was hast du da in deiner Hand?" - "Ach", meinte geistesgegenwärtig die Schwester, "das ist ein Heiligenbildchen". Gezeigt hat sie es dem Kleinen aber nicht. Das "Heiligenbildchen" half bald einer anderen Familie aus der größten Not".
"Ich hätte als junges Mädchen doch so gern einen Hut gehabt", erzählt Frau Flach. "Aber die Mutter blieb meinem Wunsch unzugänglich, bis schließlich Schwester Aicharda als Fürbitterin für mich eintrat. Da hatte ich bald meinen Sonntagshut. Und - als im Krieg mein Mann als vermißt galt, war es allein Schwester Aicharda, die meinem Jungen ein kleines Geschenk machte. Ihr Vorbild war es letztlich, daß ich mich für den Krankenpflegeberuf entschied. Dabei hat sie mich rührend betreut und hat mir über manche Schwierigkeiten hinweggeholfen. Ach ja, sie half eben immer!". "Ja", ergänzte Frau Richter, "Zu Schwester Aicharda mußte man einfach Vertrauen haben. Sie stand zu jeder Tages- und Nachtzeit bereit, wenn es zu helfen galt". So war sie: eine kleine Nonne mit großen Taschen in ihrem Gewand. Darin barg sie unauffällig, was sie sich an milden Gaben und Geschenken erbeten und erbettelt hatte, um es an Notleidende weiterzugeben. So holte sie regelmäßig in den damaligen Metzgereien Henneke und Schnellenberg für ihre Armen und Kranken Fleisch- und Wurstwaren, fragte zwar der Form halber, was sie zu bezahlen habe, wußte aber schon vorher um die Antwort.
"Ich weiß ja, was Sie damit machen" oder "Na, nehmen Sie schon", so sagte man ihr. Dann schmunzelte sie und meinte: "Ja, dann habe ich ja etwas für meine liebsten Menschen." So sprach sie in vielen Geschäften vor und wurde selten abgewiesen. Und da sie doch nicht mit einem Schnappsack losziehen konnte, mußte sie ja große Taschen an ihrem Ordenskleid haben.
1986 hat eine Firmgruppe der St. Elisabeth-Gemeinde Moosfelde auf den Spuren von Schwester Aicharda recherchiert, hat Aussagen und Erlebnisse von Zeitzeugen sowie Dokumente ihres Wirkens in einem beachtenswerten Heft zusammengetragen. Einiges daraus sei hier wiedergegeben:
Eine ungenannte Zeitzeugin: "1942 bekam meine Mutter einen zweiten Schlaganfall, war einseitig gelähmt, geistig gestört und wurde zum Pflegefall. Ins Krankenhaus aber wollten wir sie nicht abschieben. Ein Jahr lang wechselten wir uns mit Schwester Aicharda in der Nachtwache ab. Mir als Hausfrau und Mutter fielen die Nachtwachen nach anstrengenden Arbeitstagen immer schwerer. Als ich ihr das schließlich eingestand, meinte sie: ,Nun, das müssen wir ändern. Wenn ich von der Nachtwache ins Krankenhaus komme, kann ich ja schlafen. Also übernehme ich künftig Ihre Nachtwache." So kam sie denn abends um halbzehn, setzte sich ans Bett meiner Mutter und schickte uns schlafen mit der Begründung: "Ihr müßt ja morgen wieder strammstehn." Dann nahm sie den Rosenkranz und betete. Wir aber waren beruhigt für den Fall, daß etwas passieren könnte. Wenn wir die Schwester morgens um 5 Uhr ablösten, brachten wir sie zum Krankenhaus. Sie legte sich für eine oder zwei Stunden hin, um dann wieder zu 'ihren Armen' zu gehen."
Eine andere Aussage: Ein geistig etwas zurückgebliebener Junge besuchte Schwester Aicharda fast täglich im Krankenhaus und klagte, daß sich niemand um ihn kümmere und ihm helfe. Die Schwester verabreichte ihm jedesmal einen Löffel Baldrian, und dann ging er immer glücklich nach Hause.
Herr G. vom Müggenberg: "Ich hatte als Junge eine doppelte Lungenentzündung. Dr. Hillebrand machte meine Eltern damit vertraut, daß ich die nächste Nacht wohl nicht überleben würde. An diesem Abend kam Schwester Aicharda. Als meine Mutter sie darauf aufmerksam machte, daß wir evangelisch seien, meinte sie: "Ich weiß nur, daß Sie einen schwerkranken Jungen haben. Und den möchte ich besuchen." Als mein Vater am anderen Morgen zur Arbeit ging, begegnete ihm Dr. Hillebrand, der sich wunderte, Vater nicht im schwarzem Anzug zu sehen. "Nun, wie geht es Ihrem Jungen?", fragte er. "Ja, der ist wohl über'm Berg. Schwester Aicharda war die ganze Nacht bei ihm, hat Umschläge und wer weiß was gemacht." Darauf Dr. Hillebrand wörtlich: "Die Nonne kann mehr als ich!" (Von Schwester Aicharda war bekannt, daß sie viel von der Kräuterheilkunde verstand, ihre eigenen Tinkturen anfertigte und sie sachkundig anzuwenden wußte). Schwester Aicharda saß auch in den nächsten Nächten noch an meinem Bett, und erst am dritten Morgen sagte sie, ich sei auf dem Wege der Besserung. Als meine Mutter es ihr gut machen wollte, meinte sie, wenn Mutter etwas tun wolle, dann solle sie ihr etwas für die Armen geben. Mutter brachte ihr bald einen Handwagen voll Lebensmittel."
Tiefe Gläubigkeit
Und so eine Mitschwester: "Oft wurde sie in der Nacht gerufen. Es kam häufig vor, daß sie sich erst kurz zuvor, von einem anderen Krankenbesuch zurückkommend hingelegt hatte. Doch stand sie sofort ohne zu murren auf, um ihren Armen zu helfen. - Als junge Schwester mußte ich mal einen besonders gewichtigen, stabilen Mann, der sich wegen eines Schlaganfalls nicht bewegen konnte, waschen. Trotz großer Anstrengung war es mir nicht möglich, ihn umzudrehen. Ich war verzweifelt. Da kam Schwester Aicharda vorbei, sah meine Not und sagte: "Wenn man eine so schwere Aufgabe schaffen soll, muß man sich vorstellen, man verrichtet sie an Jesus. Damit drehte sie den Schwerkranken mit meiner Hilfe liebevoll auf die andere Seite. Dieser Rat und ihr resolutes Zupacken halfen mir sehr."
Dank allen Ordensfrauen
Solchen Stimmen aus der Bürgerschaft über das Wirken und Helfen von Schwester Aicharda ließen sich weitere anfügen. Sie bestätigen - um nochmals von der Verleihung der Ehrenbürgerschaft zusprechen - den Text in der Urkunde: "Selbst in ihrem hohen Alter wird es ihr nicht zuviel, noch Tag und Nacht an Krankenbetten zu sitzen und so stetige Nächstenliebe zu üben. Schwester Aicharda ist bei der Bevölkerung der Stadt außerordentlich geschätzt. Zahllosen Familien hat sie in den Stunden größter Not geholfen . . .". Aber auch das steht in der Urkunde: Mit der Verleihung solle gleichzeitig die aufopfernde Tätigkeit der Krankenschwestern in beiden Krankenhäusern der Stadt anerkannt und der Dank der Bevölkerung an die Schwestern zum Ausdruck gebracht werden. Ein wichtiger Satz, der besonders unterstrichen zu werden verdient. Denn in ihm macht die Stadt deutlich, welche Wertung das karitative Wirken der Ordensfrauen verdient. Und darin einbezogen sind auch die Schönstätter Marienschwestern, die ab 1933 in der Wochenbett- und Hauspflege sowie in der Trinker- und Gefährdetenfürsorge, während der Kriegsjahre besonders in kinderreichen Familien tätig waren.
Engel von Neheim
Es konnte nicht ausbleiben, daß im Laufe des jahrzehntelangen selbstlosen Wirkens von Schwester Aicharda der Volksmund eine von Liebe und Verehrung zeugende Bezeichnung für sie fand: Der Engel von Neheim. Doch das weckte mehr ihren kategorischen Widerstand, denn freudige Dankbarkeit. ."Bitte, verwendet diese Bezeichnung nicht für mich", bat sie die Lokalredaktionen der Zeitungen. "Sie geziemt mir nicht. Engel sind himmlische Wesen, vom Herrgott zu unserem Schutz bestimmt. Ich bin nur ein armes, schwaches Menschlein und will und darf mich nicht mit einem solchen Beinamen schmücken lassen". sagte sie sinngemäß. Und fügte dann hinzu: "Diese Bezeichnung verträgt sich auch nicht mit der Demut einer Ordensschwester." Nun, der Volksmund ist da unbeschwerter; auszurotten war der schmückende Beiname für sie nicht.
 01.07.1955 - Ehrenbürgerin Schwester Aicharda
Schwester Aichardas Einfachheit und Bescheidenheit war sprichwörtlich: Als sie nach dem Festakt zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde von den ebenfalls ausgezeichneten Fabrikanten Kaiser und Desch zu einer kleinen Feier in das damalige Cafe Greve beim alten Rathaus eingeladen wurde, sagte sie bescheiden ab. Sie wollte lieber sofort zurück ins Krankenhaus. Also sollte sie der Fahrer eines der beiden Fabrikanten in einem sogenannten "Adenauer-Mercedes" dorthin fahren.
Der Fahrer half der Schwester, in dem 3ooer Platz zu nehmen, legte zwei Kissen auf den Rücksitz, damit von der kleinen Person nicht nur die Spitze der riesigen Flügelhaube von den vielen Menschen am Straßenrand gesehen werden konnte. Dann fuhr er die neue Ehrenbürgerin keineswegs auf direktem Weg zum Krankenhaus, sondern drehte eine Ehrenrunde, damit möglichst viele Menschen die bescheidene Schwester auch mal in einem solchen Luxuswagen sehen sollten. Schwester Aicharda konnte trotz der beiden Kissen gerade so eben aus den Fenstern schauen. Schüchtern und leicht verschämt winkte sie den Menschen zu. Schließlich war ihr eine solche Präsentation gar nicht recht. Die vor dem Krankenhaus wartenden Schwestern, Ärzte und das Pflegepersonal staunten nicht schlecht, als sie Schwester Aicharda aus einem solch schweren Wagen steigen sahen. Doch später, als sie dem Fahrer auf ihrem Weg zu den Armen und Kranken begegnete, meinte sie, es sei doch mal schön gewesen, in einem solch komfortablen Gefährt durch die Stadt gefahren worden zu sein.
So war Schwester Aicharda im Laufe der Jahre zu einer stadtbekannten Persönlichkeit geworden, der man mit Hochachtung begegnete. Ergab es sich, daß man ein Wort mit ihr wechseln konnte, dann strahlte einem Warmherzigkeit entgegen. Ja, sie war allgemeiner Verehrung sicher. Also wunderte es nicht, daß die Jubiläen, die sie im vorgerückten Alter begehen durfte, mehr oder weniger zu Festtagen für die ganze Bevölkerung wurden. Da bündelten sich offizielle Würdigung ihrer Verdienste mit Dankbarkeit und Zuneigung durch die Bürgerschaft.
Jubiläen
So schrieb die Westfalenpost aus Anlaß ihres Goldenen Ordensjubiläums am 29. August 1955: "die ganze Bevölkerung Neheims nimmt begeisterten Anteil an dem Ehrentag ihrer Stadtschwester. Einer Schwester mit einem Herzen voller Liebe und Güte, das seit 1922 in Neheim für alle schlägt, die krank und gebrechlich, bei denen Not und Sorge ungebetene Gäste sind . . .". Zehn Jahre später beim 6ojährigen Ordensjubiläum in der Pfarrkirche St. Johannes - 30 Vinzentinerinnen geleiteten die Ehrenbürgerin durch die fahnengeschmückten Straßen zur Kirche, die bis zum letzten Platz gefüllt war - wies Vikar Mönig in der Festpredigt auf die wechselseitige Bezogenheit von Gottes- und Menschenliebe hin, von der Schwester Aicharda lebendiges Zeugnis gegeben habe. "Die Liebe hat Hände zum Helfen, sie hat Füße, zu den Armen und Notleidenden zu gehen, auch wenn diese Füße kaum noch tragen können. Sie hat Augen, um die Not und das Elend der Erde zu sehen; sie hat Ohren, um die Klagen und Seufzer der Menschen zu hören; sie hat vor allem ein Herz, das lieben und segnen kann. Das Geheimnis des Lebens ist allein beschlossen in der Liebe. Auch das wird die Jubilarin bestätigen in dieser Stunde: "Es ist schön zu lieben, zu lieben in der Liebe Christi." Nach Beendigung des Hochamtes fuhr die Jubilarin in einem offenen Wagen durch die Menschenmenge zum Johannes-Hospital. Dort schmetterte die Stadtkapelle ihre Dankhymnen zur Ehre der Jubilarin.
Einige Wochen vor der Vollendung ihres 85. Lebensjahres war Schwester Aicharda infolge eines Schwindelanfalls gestürzt und hatte sich eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen. Bis dahin war sie noch unermüdlich in der ambulanten Krankenpflege tätig gewesen. Vielleicht nicht mehr in dem Umfang der früheren Jahre. Nach und nach jedenfalls mußte sie kürzer treten. Das Alter forderte seinen Tribut. Ihr Gesundheitszustand bedingte den schrittweisen Rückgang aus ihrem karitativen Wirken. Bald konnte sie sich nur noch durch ihr Gebet mit ihren Armen und Kranken verbunden fühlen.
Einige Zeit vor ihrem 90. Geburtstag mußte sie sich in das Schwesternheim Borchen im Münsterland - sozusagen auf das Altenteil - zurückziehen. Aber auch hier, so wird berichtet, war sie bald der gute Geist des Hauses, immer zu einem frohen Wort und Scherz aufgelegt: "Wenn es mit der Stimmung mal gar nicht mehr klappen will, dann krieche ich unter den Tisch und mache Wau, wau! . . . und alles lacht", so erzählte sie bei Gelegenheit.
Doch sie blieb mit Neheim, das ihr zur zweiten Heimat geworden war, eng verbunden. Und so folgte sie gern der Einladung der Stadt, die ihre Ehrenbürgerin an ihrem 90. Geburtstag in ihren Mauern haben wollte. Mit ihr kamen weitere betagte Schwestern vom Orden der Barmherzigen Vinzentinerinnen zum freudigen Wiedersehen mit ihrer alten Wirkungsstätte im Johannes-Hospital. Es war eine ebenso herzliche wie schlichte Feier, die nach dem vom Domkapitular von Pourtales in der Krankenhauskapelle zelebrierten Hochamt Gratulanten des Hauses, der Kirche und der Stadt beisammen sah, vom Chor der Pflegevorschule musikalisch gestaltet.
Bürgermeister Teriet würdigte nochmals die Verdienste der Ehrenbürgerin als Stadtschwester. Als exemplarisches Beispiel berief er sich auf Erinnerungen, die ihm der einige Jahre zuvor in Washington verstorbene Werner Schnellenberg bei der Einweihung des Rathauses 1968 erzählt hatte. Sie berichteten davon, wie sich in den dreißiger Jahren Schwester Aicharda auch um die materielle Unterstützung jüdischer Familien in der Stadt bemüht habe. Auf die vielen ehrenden Worte antwortete Schwester Aicharda in erstaunlich geistiger Rüstigkeit, sie habe ihre Arbeit in Neheim gern getan. Aber sie sagte auch dies: "Wenn die jungen Mädchen heute wüßten, wie schön der Ordensberuf ist, sie würden viel zahlreicher in die Ordensgemeinschaften eintreten." Die Aussage einer Schwester nach 68 Jahren ihrer Ordenszugehörigkeit.
Ein Licht erlosch
Schwester Aicharda starb am 7. Juni 1975 im Alter von nicht ganz 93 Jahren. Es war selbstverständlich, daß Neheim, nach der Kommunalreform 1975 ein Stadtteil von Amsberg, seine Ehrenbürgerin heim in ihren jahrzehntelangen Wirkungsbereich holte, um sie hier auf dem Möhnefriedhof zur letzten Ruhe zu betten. Und noch einmal wurden ihre Verdienste um die Kranken und Armen der Stadt in geziemender Weise gewürdigt. So schrieb die Westfalenpost in einem Nachruf: "...Wenn es zu helfen galt, kannte die Ordensfrau keinen Unterschied zwischen arm und reich, keine konfessionellen Schranken. Und wenn es nottat, dann scheute sie sich nicht, für die ihrer Pflege und Betreuung Anvertrauten betteln zu gehen . . . Der Dienst am Menschen im Auftrag dessen, dem sie sich gelobte, wurde ihr zur Lebenserfüllung."
Pfarrer Franz Schnütgen sagte beim Meßopfer für die Verstorbene, das er in Konzelebration mit Dechant Reiners und Vikar Wisse feierte, in Erinnerung an Schwester Aicharda: "Wer sein eigenes Leben lebt, der wird verlieren; wer sein Leben hingibt im Dienst für den Mitmenschen, der wird gewinnen."
Viele jener Bürger, denen Schwester Aicharda in schwerer Stunde Hilfe war, Ordenschwestern in großer Zahl sowie Vertreter der Stadt gaben ihr das letzte Geleit zum Friedhof, wo sie auf dem Schwesternfeld beigesetzt wurde. Es habe kaum einen Menschen in der Stadt gegeben, der so überzeugend Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Menschenwürde und Bereitschaft zum Dienen vorgelebt habe wie Schwester Aicharda, so verabschiedete sich Bürgermeister Teriet namens der Stadt am offenen Grabe von der Ehrenbürgerin.
Bei der Umbenennung von Straßen, die in der Stadt Amsberg durch die Kommunalreform nötig geworden war, wurde in Neheim einige Zeit nach ihrem Tode eine bedeutende Straße (die Ringstraße) nach Schwester M. Aicharda benannt.
Haben wir die Antwort auf die Frage gefunden, wer diese Frau war?
Eine ihrer Mitschwestern sagte später einmal: "Schwester M. Aicharda ist eine Mutter Teresa für Neheim gewesen." Im Gegensatz dazu meinte eine andere Mitschwester: "Ich würde sagen, daß Schwester Aicharda das Gegenstück von Mutter Teresa war. Sie hatte nicht die Möglichkeiten, die Mutter Teresa heute hat. Mutter Teresa kann reisen, durch die Medien auf die Not, auf das Elend der Armen aufmerksam machen; denn die Welt ist heute so nah. Schwester Aicharda war in Neheim mit bescheidenen Möglichkeiten auf Wohltätigkeit angewiesen, auf Leute, die etwas mehr haben als andere . . . - Rein äußerlich zwar und im Grundsatz ihres Wirkens hatte sie viel Ähnlichkeit mit Mutter Teresa."
Nachfolgerinnen von Schwester Aicharda waren ab 1972 Schwester Lamberta, die den Stadtbezirk noch treulich per pedes zu den Beistands- und Pflegebedürftigen abklapperte, und etwa ab 1973 für 16 Jahre Schwester Siegwalde. Sie hatte nach der Kommunalreform im Jahr 1975 einen Bezirk zwischen Müschede und Voßwinkel zu versorgen, und zwar mit Hilfe eines Mofas. Da war es gut, daß sie zu jener Zeit auf dem Mofa noch keinen Schutzhelm tragen mußte. Denn das wäre auf der Schwesternhaube wohl schwierig gewesen und hätte zudem zur Ordenstracht auch reichlich komisch ausgesehen. Mit Schwester Siegwalde ist eine Ära zu Ende gegangen, die Schwester Aicharda in den zwanziger Jahren eingeleitet hatte.
Der Caritasverband Amsberg hatte im Hinblick auf die fortschreitende Ausblutung der Ordensberufe früh genug reagiert. Er beauftragte im April 1974 Martha Steinau und Maria Sonntag, eine eigenständige Sozialstation in Neheim einzurichten.
Für diese Sozialstation auf der Apothekerstraße, in der Pflegedienstleiterin Annemarie Baader seit 1979 Verantwortung trägt, sind mittlerweile 10 examinierte weltliche Kranken-, Alten- und Familienpflegerinnen hauptamtlich tätig. 1992 wurde eine weitere Station im Stadtteil Hüsten mit sechs Pflegekräften eingerichtet.
Zeichen gesetzt
Wie notwendig diese Einrichtungen sind, zeigt die Zahl der Einsätze, die in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen ist. War noch vor drei Jahren eine Pflegerin für 5000 Einwohner zuständig, so 1993 nur noch für 3000 Einwohner. Dieses Verhältnis dürfte sich im Hinblick auf die fortschreitende Überalterung noch stärker verengen.
Der Einsatz von Pflegekräften erfolgt nach der Planung der Pflegestation in Zusammenarbeit und nach den Weisungen der behandelnden Ärzte. Das ist notwendig und war bei den Ordensschwestern kaum wesentlich anders. Wenngleich Schwester Aicharda im Laufe der Jahrzehnte ihres Wirkens aus eigener Erfahrung und erkannten Notwendigkeiten wußte, wo der Schuh drückte, Armut zu lindern und Pflegehilfe zu leisten war. Wie sagte doch jemand: Dienst am Kranken und Armen ist Schwerstarbeit. Schwester Aicharda hat sie durch Jahrzehnte geleistet, hat Zeichen gesetzt. Ihrem Vorbild zu folgen, ist für die Caritashelferinnen - gewiß nicht leichte - Pflicht und Aufgabe.
Quelle: 1893 - 1993: 100 Jahre Sauerländer Dom | Alfred Redecker
LINKS zum Thema:
http://www.st-johannes.neheim.de/
http://www.arnsberg.de/
http://www.joho-arnsberg.de/
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