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 11.04.2009

Jägerverein: Erst seit 29 Jahren "richtiger" Verein

175 Jahre ist der Neheimer Jägerverein nun alt. Die meiste Zeit war er allerdings - obwohl der Begriff Bestandteil des Namens ist - im rechtlichen Sinn kein Verein. Denn er bestand lediglich aus einem Vorstand. Mitglied konnte man nur für die Tage des Jägerfestes werden. Um diese Eigentümlichkeit des Traditionsvereins geht es hier im zweiten Teil der WR-Serie.

Um 1900 - Kreuzung Apotheker-/Möhnestr., rechts Gasthof Lichte, links Hotel Nies
Um 1900 - Kreuzung Apotheker-/Möhnestr., rechts Gasthof Lichte, links Hotel Nies

"Werde Mitglied!" warb der Jägervorstand im Vorfeld des alle zwei Jahre stattfindenden Jägerfestes. Für das am 9., 10. und 11. Juli 1938 gefeierte Jägerfest - es war das letzte vor dem Zweiten Weltkrieg, Jägerkönigspaar wurden Fritz Butschat & Gabriele Hillebrand - konnten sich die Interessenten zum Beispiel für 3 Reichsmark in die im Gasthof Lichte (Ecke Apotheker-/Möhnestraße, heute Schuhgeschäft Scarpe) ausliegenden Listen eintragen.

4150 Einschreibungen

Als die Jäger nach 18-jähriger Unterbrechung 1956 das erste Jägerfest nach dem Krieg veranstalteten, waren es 4150 Personen, die durch Einschreibung ihre Bereitschaft bekundeten, das Fest mitzufeiern. "Die Lebensfreude kehrte nach dem Verzicht auf Festlichkeiten während der Kriegswirren und den harten Aufbaujahren schnell ins Neheimer Jägervolk zurück", stellt die Jubiläumsfestschrift von 1984 dazu fest. Ähnliches wurde beim ersten Jägerfest nach dem Ersten Weltkrieg beobachtet. Denn 1922 - Jägerkönigspaar wurden Franz Mimberg & Albertine Wiese - trugen sich trotz der beginnenden Inflationszeit 1800 Jäger in die Listen ein.

Jägerfestsonntag 1956 - Etwa 20.000 Menschen säumten den Festzugweg. In Erwartung der Parade auf dem gegenüberliegenden Marktplatz ist der Kirchplatz "proppenvoll". - Foto: Jägerverein
Jägerfestsonntag 1956 - Etwa 20.000 Menschen säumten den Festzugweg. In Erwartung
der Parade auf dem gegenüberliegenden Marktplatz war der Kirchplatz "proppenvoll".

Es steckte aber nicht nur ein gewisser Nachholbedarf dahinter. Handfeste Werbemaßnahmen Neheimer Unternehmer taten ein Übriges. Schließlich waren es ihre Vorfahren gewesen, die das Jägerfest als Fest aller Bürger ins Leben gerufen hatten. Und einige von ihnen hatten schon vor dem Krieg dem Offizierskorps des Vereins angehört. So war es Josef Kaiser, von dem die Initiative für das erste Nachkriegsfest ausging. Für den Neubeginn wurde Carl-Willi Kleine-Cosack zum Oberst gewählt.

Um ihren Mitarbeitern die Teilnahme am Jägerfest zu ermöglichen, ließen die Unternehmer am Festmontag in ihren Betrieben die Arbeit ruhen. Noch früher hatten die Belegschaften wegen bekannter "Nachwehen" auch am Dienstag nach dem Jägerfest frei bekommen. Für die Einschreibegebühr erhielten sie Gutscheine, außerdem zehn, später sogar 15 Biermarken. Wer am großen Sonntagsfestzug teilnahm, bekam noch ein Sonderkontingent Biermarken dazu.

Doch die Zeiten änderten sich und die Begeisterung der Bevölkerung für das Jägerfest ließ spürbar nach. Im Jahr 1968 schrieben sich nur noch 2100 Personen ein. Die Gründe dafür waren mannigfach:

ein gesellschaftlicher Umbruch mit aufbegehrender Jugend (Studentenunruhen), viele auswärtige Arbeitnehmer, die ebenso wie die nun in immer größerer Zahl nach Deutschland kommenden "Gastarbeiter" keine Beziehung mehr zu dem Neheimer Volksfest hatten, und nicht zuletzt auch die inflationäre Zunahme von Festlichkeiten aller Arten.

Der Jägervorstand versuchte, dieser Entwicklung durch besondere Anreize gegenzusteuern. So gab es 1960 ein Brillantfeuerwerk über dem Festgelände an der Werler Straße, 1972 eine Stunde lang Freibier für die Festzugteilnehmer und 1970 wurde sogar ein gebrauchter VW-Käfer unter den Teilnehmern der Festzüge verlost. Alle diese Aktionen brachten aber nicht den erhofften Erfolg und blieben deshalb Einzelfälle.

Wilm Brökelmann (links, Oberst 1972 bis 1988) und Carl-Willi Kleine-Cosack (Oberst 1956 bis 1972) - Foto: Jägerverein"Die Älteren wurden mehr und mehr amtsmüde und dachten daran, sich zurückzuziehen", vermerkt die neuere Chronik des Jägervereins. Schließlich kam es zum Führungswechsel: Nur wenige Monate vor dem Jägerfest 1972 löste Wilm Brökelmann Carl-Willi Kleine-Cosack als Oberst ab. Der neue Mann an der Spitze hielt es für das Gebot der Stunde, dem Jägerverein eine neue Struktur zu geben und so dessen Überleben zu gewährleisten.

Eingetragener Verein

Die Lösung war ein eingetragener Verein mit dauerhafter Mitgliedschaft. Gegründet wurde er am 19. Juni 1980 im Bergheimer Siedlerheim. Erst auf dieser Grundlage konnte sich die heutige Struktur des Jägervereins mit derzeit 1260 Mitgliedern entwickeln.

Die Veränderungen waren fundamental: Jetzt ging es nicht mehr ausschließlich um die Ausrichtung des Jägerfestes alle zwei Jahre. Jetzt sollte es auch einen erweiterten Veranstaltungsrahmen geben. Darüber hinaus definierte die neue Satzung als eine der Hauptaufgaben "die Pflege und Erhaltung historischer Stätten". Dem ist der Verein unter anderem nachgekommen durch den Erwerb der ehemaligen Synagoge in der Mendener Straße und deren Nutzung als "Haus der Neheimer Jäger".

In der Folgezeit wurden auch die Aufgaben neu verteilt. Es bildeten sich nicht nur die Kompanien, sondern auch spezielle Gruppen innerhalb des Vereins und nicht zuletzt die Kommissionen mit genau festgelegten Zuständigkeiten. Dazu mehr im dritten Teil der WR-Serie.

Quelle: WR-print, 11.04.2009


LINKS zum Thema:
http://www.jaegerverein.de/

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