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 12.08.2008

Markus Böse: Lambrusco und Selbstgedrehte mit Additiv

Markus Böse hat in einem kleinen Büchlein seine Sicht auf die 1960er- und 1970er-Jahre zusammengetragen. NEHEIM-NETZ.de bringt einen Vorabdruck als PDF-Datei. Über die Zeit, als das Sitzen auf der St. Johannes-Kirchentreppe in Neheim nebst dem öffentlichen Genuss von Rotwein als Vorboten der Revolution galten, schreibt M.B.:

Juni 1969 - Blick vom Rathausturm auf die Hauptstraße
Juni 1969 - Blick vom Rathausturm auf die Hauptstraße

Neheim war langweilig. Das ganze Sauerland war langweilig. Stinklangweilig. Auf Toiletten- und anderen Wänden las man gelegentlich Slogans wie: "Im Vatikan ist mehr los als im Sauerland". Auf meiner Schulbank war mit einem Messer eingeritzt: "Neheim ist halb so groß wie der New Yorker Zentralfriedhof aber doppelt so tot". Wir waren berufen, diesen Zustand zu ändern. Wussten zwar noch nicht genau wie, doch entwickelt sich so was ja manchmal auch.

Meist trafen wir uns am unteren Ende der Konsummeile mitten in der Stadt und lümmelten dort auf der Kirchentreppe sitzend herum. Zu unseren Regeln des Zusammenlebens auf der Grundlage menschlicher Vernunft gehörte, dass wir uns bei schlechtem Wetter nicht auf der Kirchentreppe sondern unter einer der Ruhrbrücken trafen. Aber egal an welchem Ort - immer spielten dabei einige Zwei-Liter-Flaschen Lambrusco für einsneunzig von Tengelmann, deren Preis wir meist zusammen schmissen eine wichtige Rolle. Hin und wieder auch Selbstgedrehte mit Additiv.

Die Zusammensetzung der Gruppe wechselte. Relativ gleich bleibend war die Ausgewogenheit zwischen den Geschlechtern. Mal waren Jungs und Mädels vom Gymnasium oder der Realschule in der Mehrheit, manchmal in der Minderheit. Wenn der Anteil der "Schon-Geldverdiener" wie Lehrlinge, Arbeiter, Angestellte überwog, gab's schon mal Amselfelder, der war 20 Pfennig teurer. Mädchen vom Lyzeum waren seltener, doch gelegentlich auch dabei.

Später verlagerten wir den Ort des Treffens. Anständige Bürger der Stadt, mit denen wir verdonnert waren, die gleiche Luft zu atmen, ließen sich in Leserbriefen an heimische Zeitungen über unsere Treffen auf den Stufen vor dem Kirchenportal aus. Meist wurden wir noch am Tag des Erscheinens der freien Meinungsäußerung von Ordnungshütern mit Nachdruck aufgefordert, den Ort zu verlassen. Also fanden wir uns immer öfter im Stadt-Park ein. Wochenends gab's schon mal kurzfristig improvisierte Parties - wir nannten sie Feten - bei Freunden, deren Eltern entweder einige Tage weg oder toleranter als die Eltern Anderer waren. Da hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben das Wort: Matratzenfete!

Liebe Leserin, lieber Leser, ich werde inhaltlich nicht näher darauf eingehen - Sex kann jeder. Ich mache mir die Freude, Ihnen - wenn das Büchlein irgendwann mal fertig sein wird, eine Geschichte zu präsentieren, welches über Besonderheiten in meinem recht bunten Leben berichtet und die über das hinausgehen, was der "normale Zeitgenosse" so erleben durfte und wahrscheinlich jemals erleben wird. Wenn Sie Spaß daran haben, lesen Sie ruhig weiter; wenn Sie mit anderen Erwartungen gestartet sind, sollten Sie die Lektüre an dieser Stelle abbrechen und sich wichtigeren Dingen zuwenden.
Auszug (25 Seiten) als PDF-Download


1970 auf dem Bahnhof in Passau


1970 auf dem Hradschin mit russischem Soldaten



Quelle: Markus Böse, August 2008


LINKS zum Thema:
http://www.markusboese.de/
Fotos aus dem Rathausturm | Juni 1969

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