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 04.05.1965

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Dr. Hartwig Kleinholz initiiert erstes Schriftstellertreffen in Neheim-Hüsten

Im Mai 1965 wird vom Leiter der Volkshochschule, Dr. Hartwig Kleinholz, ein Schriftstellertreffen in Neheim-Hüsten initiiert. Vom 04.05. bis 07.05.1965 treffen sich 13 Autoren zu einem Arbeitskolloquium im Hotel Egen. Aus dieser eher bescheidenen Veranstaltung sollte sich ab 1969 das europaweit renommierte Schriftsteller-Kolloquium entwickeln.

Teilnehmer waren die Autoren Geinrich M. Denneborg, Max von der Grün, Wolfgang Hädecke, Kay Hoff, Norbert Johannimloh, Hugo Ernst Käufer, Ernst Meister, Heinrich Ost, Josef Reding, Heinrich Schirmbeck, Wolf Simeret, Erwin Sylvanus u. Horst Wolff.

In späteren Jahren war im Feuilleton des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts" zu lesen: "Was Kassel mit seiner documenta für die moderne Kunst, was Oberhausen für den Kurzfilm leistet, das leistet die sauerländische Stadt Neheim-Hüsten für die Kurzgeschichte von heute."



 Randnotizen ...

Samstag, 08.05.1965 Westfalenpost

Autorentreffen - ein Ereignis: Es wurde unerbittlich um Ansichten gerungen
Gleichgesinnt im Misstrauen - "Schularbeiten" gründlich untersucht

Neheim-Hüsten. Für drei Tage waren sie zusammengekommen - zum Teil unbekannte Autoren, zum Teil, wie Reding, Meister und Sylvanus, den Neheimern bekannt. Jeweils für einige Stunden gehörten Prof. Heselhaus und Prof. Tschirch zur Runde. Gleichgesinnte wollten miteinander sprechen, diskutieren, Gedanken austauschen. Gleichgesinnte? - Meinungen prallten aufeinander, unterschiedliche Ansichten standen im Raum, konnten nicht harmonisiert werden. Gleichgesinnt war man nur in der Qualifikation oder Disqualifikation von schlechter oder guter Lyrik und Prosa, gleichgesinnt auch im Misstrauen.

Am zweiten Tag untersuchte Prof. Heselhaus dieses Primärsymptom unserer Zeit in seinem Referat "Die Lyrik im Zeitalter des Misstrauens". Das Misstrauen ist nach Heselhaus ein ganz neues Spezifikum des heutigen Autors, liege sogar in der Mentalität der Allgemeinheit. Misstrauen gegn die Welt, Partei, Kirche, jegliche Organisationen, Staat, Parolen. Misstrauen auch gegen die Form; der heutige Dichter reime nicht mehr, der Reim verschönere zu sehr und glätte Dissonanzen. H. Denneborg prägte den Aphorismus: Wenn alles stimmt, stimmt etwas nicht. In der Diskussion fragten die Autoren, ob das Misstrauen wirklich ein Kind unserer Zeit sei, ob es nicht älter sei, da doch wohl stets das Misstrauen die Triebkraft des Schöpferischen gewesen sei; wie es z.B. mit der Romantik stehe. Die romantische Ironie sei kein Misstrauen, so versicherte der Referent, da zu der Zeit noch der Glaube an die Kunst existent gewesen sei. Zwei Dichter, nämlich Celan und Meister, versuchten heute dieses Misstrauen zu überwinden, indem sie die Wörter von ihren geschichtlichen Schlacken befreiten und zu den Urworten, im Magischen befindlich, vorstießen.

Über das Fernseh- und Hörspiel sprach der stellvertretende Chefdramaturg des WDR, Debiel. Es stellte sich heraus, dass das Fernsehspiel den Autoren suspekt ist. Der Autor sei abhängig vom Dramaturgen und könne bei der Produktion nicht mehr eingreifen; das Fernsehspiel käme als Konserve ins Archiv, übrigens verleite es zum Geldverdienen. Das Hörspiel dagegen wurde als vierte Dichtungsgattung anerkannt.

Auf harten Widerspruch stieß Dr. Kleinholz mit seinem Referat über die Interpretation. Ansatzpunkte zur Interpretation - methodisch dargestellt am Beispiel "Römischer Brunnen" - seien: biographischer Bezug, geistesgeschichtlicher Bezug, Formuntersuchung und Unbekannte X. X sollte die Intuition, das Einfühlen ausdrücken, das jedem Gedicht wesentlich anhaftende Anderssein; dementsprechend verlangt jedes Gedicht seine eigene, werkimmanente Methode. Dr. Kay Hoff, Schirmbeck und Dr. Schulte unterstützten Dr. Kleinholz gegen die Übermacht der übrigen Autoren.

Sehr interessant war das Werkstattgespräch. "Schularbeiten" - wie die Autoren humorvoll sagten - wurden besprochen. Zu vier verschiedenen Themen waren von den Teilnehmern Texte - Lyrik oder Prosa - geschrieben worden. Beim Kolloquium waren die Verfasser unbekannt, so dass unvoreingenommen die Texte untersucht werden konnten. Dies geschah gründlich; die sprachlich-stilistische Analyse war manchmal peinlich genau. Einmal drückte sich das allgemeine Urteil im Übergehen aus. So erklärte Josef Reding, dass auch schon ein Nicht-Sprechen über das Gedicht genug besage. Auf Anhieb hatte man auch zwei Kuckuckseier, zwei in einem literarischen Kreis entstandene Gedichte, als schlecht erkannt. Eine dilettantisch abgegriffene Sprache verrate den Nichtkönner, meinte Ernst Meister. Eine gelungener Prosatext von Simeret, dem Sohn. E. Meisters, gefiel sehr gut. Bei den Lyrikern schnitten am besten Ost und Kay Hoff ab.

Den Abschluss bildete - wie könnte es anders sein - ein Referat über die Sprache. Prof. Dr. Tschirch umriss klar und anschaulich die Entwicklung der Sprache, zog Querverbindungen zu anderen Völkern und machte deutlich, dass sich die Sprache in einem unendlichen Wachstumsprozess befinde.
Dieses für Neheim-Hüsten ungewöhnliche und bedeutende Ereignis soll im nächsten Jahr wiederholt werden. Dazu sollen tschechische Autoren eingeladen werden. Hoffentlich scheitert diese Vorhaben nicht wie bei ostzonalen Schriftstellern an politischen Mauern.

Quelle: Stadtarchiv Arnsberg  |  Recherche: Julia Pater

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